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Erlebnisbericht Weltmeisterschaften der Gehörlosen in Stara Zagora/Bulgarien

24.06.2016

Vom 24. Juni bis zum 3. Juli befand ich mich auf einer ganz besonderen Reise in den östlichen Ländern Europas, um genauer zu sein, bei denLeichtathletikweltmeisterschaften der Gehörlosen in Stara Zagora in Bulgarien. Ein großes und besonderes Ereignis im Leben eines jeden Leistungssportlers.


Bevor ich euch mit auf meine kleine Reise nehme, kurz etwas zu meiner Person. Mein Name ist Alexander Bley, ich bin 25 Jahre alt und aktuell Maschinenbaustudent in meiner Geburtsstadt Hannover. Seit dem 13. Lebensmonat bin ich einseitiger CI-Träger und in der Welt der Leichtathletik seit meiner Kindheit unterwegs. Im Jugendbereich stellten sich die stärksten Fähigkeiten im Bereich der Mittelstrecke, über 800m und 1500m auf der Bahn, heraus. In Hannover starte ich für den Verein Hannover Athletics, bei dem ich unter anderem auch als Trainer im Nachwuchsbereich tätig bin. Den Laufsport betreibe ich mittlerweile im Bereich des Hochleistungssports mit bis zu 12 Trainingseinheiten in der Woche und gehöre seit 2013 dem Deutschen Gehörlosen Nationalkader als A-Kaderathlet an.


Diese Nationalmannschaft brachte mich nun wieder auf den Weg nach Bulgarien, wo ich  bei den Deaflympics 2013 in Sofia für die Nationalmannschaft zum ersten Mal schon unterwegs gewesen bin. Das Ziel für diese Weltmeisterschaften war klar definiert: Medaillenplatzierung! Nach vielen schwierigen Jahren von 2010 - 2014, bei denen sich letztendlich eine Rheumaerkrankung als Ursache hervorbrachte, konnte ich seit Januar 2015 endlich kontinuierlich ohne weitere Beschwerden durchtrainieren und das Leistungsniveau steigern. Als neuer Deutscher Rekordhalter über 800m, 1000m und 1500m konnte ich mit gestärktem Rücken in dieses sportliche Großereignis gehen, bei dem es nur von starken Konkurrenten wimmelt: Kenia, Russland, Ukraine, Spanien, Japan und Korea gehören dort zu den Stärksten Nationen.

 

Zuerst standen die qualifizierenden Vorläufe über 1500m auf dem Programm, meiner stärksten Disziplin in dieser Saison. Die Bedingungen sind heiß: 30 Grad Celsius im Schatten und Windstille. Eine gute Vorbereitung ist Pflicht, ein nasses kaltes Handtuch, Warmlaufen im Schatten und Fokussierung auf den Wettkampf. Bundestrainer Wolfgang Irle steht mir jederzeit zur Seite und im Vorfeld wurden alle taktischen Möglichkeiten der Rennverläufe genauestens durchstudiert. Nun geht es 20 min vor dem Rennen durch den Callroom, bei dem jede Hörhilfe abgelegt werden muss, an den Start. Ich komme sehr gut durch das Rennen und kann mich kontrolliert als Erstplatzierter für das Finale qualifizieren. Jetzt heißt es den Fokus auf das Finale zwei Tage später zu legen.

Nun, zwei Tage später, ist es endlich so weit, die Gedanken kreisen, der Fokus und die Aufregung steigen und steigen.

 

Die Vorbereitung gleich wie am Vorlauftag, die klimatischen Bedingungen unverändert. Dann geht es los, man steht an der Startlinie, Stille, das Herz schlägt, die Umgebung blendet sich aus und nur das eine Ziel steht vor den Augen: Medaille. Ich kämpfe mich durch, dann kommt die letzte Runde und jetzt geht die Post ab. Ich halte mich bis 120m vor dem Ziel hinter dem Erstplatzierten Weißrussen und gehe auf der Zielgeraden vorbei. Noch 50m und ich befinde mich auf der ersten Position, halte links von mir den Weißrussen mit knirschenden Zähnen auf Vorsprung und dann fliegt 30m vor dem Ziel ein Japaner rechts an mir vorbei. Endergebnis: SILBER! Wow, Wahnsinn, ich bin Vizeweltmeister!

 

Ein Wahnsinnsmoment und Erlebnis zugleich, bei dem ich mich auf dem Treppchen vor einer Träne nicht verdrücken konnte. Eine Belohnung für so viel Zeit und Energie, die man für diese Ziele investiert.

Über 800m lief ich bei den Weltmeisterschaften noch auf den unglücklichen 5ten Rang mit 0,7s Rückstand zum Zweitplatzierten. Ein taktischer Fehler kostete mich eine mögliche zweite Medaille.

 

Fotoserien zu der Meldung


Erlebnisbericht Weltmeisterschaften der Gehörlosen in Stara Zagora/Bulgarien (24.06.2016)